ANMERKUNGEN DER REGISSEURIN

Während der Recherche- und Dreharbeiten zu meinem Film BÖDÄLÄ – DANCE THE RHYTHM bin ich viel im Toggenburg umhergereist und habe auch den Klangweg besucht. Die Installation von Peter Roth, ein kleines Bänkli in der Natur, das Besucher einlädt, die Augen zu schliessen und hinzuhören, hat mich fasziniert. Andres Bosshard, der mit seinen Stadtspaziergängen die Besucher auf Alltags-geräusche aufmerksam macht, welche eine ganze Komposition ergeben können, hat mich inspiriert. Musiker und Musikerinnen, die nach neuen Klängen suchen und ihren Enthusiasmus dafür auch im Alter von 80 Jahren behalten, wie zum Beispiel Bruno Spoerri, haben mich beeindruckt.

Die Schweiz ist noch immer bekannt für Pünktlichkeit, Höflichkeit und leises Auftreten – nicht für bombastische Töne und chaotische Stadtkompositionen. Trotzdem oder gerade deshalb ist es erstaunlich, wie viele innovative Klangkünstler und Künstlerinnen in diesem Land leben. Hier findet man spannende musikalische Instrumentenerfinder. Sie wollte ich auf ihrer Suche begleiten und zusammen mit ihnen einen musikalischen klingenden Zeitraum von eineinhalb Stunden gestalten. Ich wollte zeigen, wie aus der Suche dieser Menschen nach Klängen musikalische Kompositionen entstehen. Und dass Hinhören ebenso spannend ist, wie Hinschauen.

Das Hineinhören in den urbanen Raum oder auch in die Natur soll unsere Wahrnehmung für die Klänge in unserem Alltag schärfen. Um in die eigenwillige Klangwelten der Protagonisten eintauchen zu können, begleiten wir die Musiker und Musikerinnen auf ihrer Suche nach neuen Klängen und bei der Entwicklung ihrer neuen Instrumente: Wenn Bruno Spoerri aus Zürich mit und an seinem Computer experimentiert und neue Klänge zu generieren versucht; wenn er mit melodiösen Klängen die Schleifgeräusche des tanzenden Eiskunstläufers auf dem Eisfeld zu Musik verwebt; wenn Stefan Heuss in seiner Werkstatt in Dietikon Salatbesteck zu einem Instrument umbaut; wenn die Bubble Beatz aus St. Gallen ihr Schlagzeug mit Metall- und Schrott-Teilen erweitern, bis es sehr eigenwillig tönt. Wir begleiten den Schlagzeuger Julian Sartorius aus Bern, wenn er mit seinen Stöcken in der Natur auf Gras oder Blech einschlägt, oder wenn er mit seinen Stöcken dem Wasserballet unter Wasser nachspürt und einen Unterwasser-Rhythmus zu kreieren versucht. Ebenso lauschen wir Klängen in Stadt und Natur nach und orchestrieren die Geräusche bis sich uns die alltägliche Klangwelt neu eröffnet: Ist es unter Wasser still, wenn die Sonnenstrahlen auf der Oberfläche glitzern? Wie hört sich der von unten aufgezeichnete Ton an, wenn Steine übers Wasser flitzen? Wie tönt es, wenn Sartorius das Wasser mit seinen Stöcken zerteilt, wenn er unter Wasser Strudel erzeugt und wenn er den Rhythmus des elegante Tanzbewegungen aufführenden Wasserballets aufnimmt? Und wenn es fast unerträglich still ist – was hören wir dann? Das Räuspern der anderen Zuschauer im Kinosaal? Den Strassenlärm von draussen? Das eigene Atmen? Das Husten von nebenan?

Sensibilisiert durch das explizite Hineinhören und Hineinschauen in diese Klangwelten werden die Besucher und Besucherinnen das Kino hoffentlich mit weit geöffneten Ohren bewusst lauschend verlassen und die Alltagsgeräusche neu wahrnehmen. Um Klang zu hören, müssen wir stillstehen. Wir müssen uns auf unsere Ohren konzentrieren und lauschen. Was wir vor lauter Betriebsamkeit und in der Hetze der Zeit oft ausblenden – die Geräusche, die Töne, die Klänge – genau das möchte ich ins Zentrum meines Filmes stellen und hoffe, dass es nachklingen wird.

Ich möchte unsere Klang-Wahrnehmung schärfen, indem wir die Faszination der Musiker und Musikerinnen für neue Klänge teilen und die Welt der Alltagsgeräusche neu entdecken. Hierfür habe ich Bilder und Situationen gesucht, die uns aus dem Alltag bekannt sind, etwa eine Autowaschanlage, ein Schrottplatz oder eine Alp. Um die Klänge besser hörbar zu machen, haben wir einzelne Gegenstände mit Tonabnehmern bestückt, so dass sich beispielsweise ein Schleifen von Schlittschuhen auf Eis vom Geräuschewirrwarr abhebt und das "SsWischen" beim Autowaschen aus dem restlichen Soundteppich heraustönt. Funkmics wurden Richtung Flipflops gerichtet, damit die Schritte im Treppenhaus deutlich zu hören sind. Diese isolierten Geräusche haben wir auf einzelne Tonspuren aufgenommen, um sie beim Schnitt musikalisch verweben zu können. Die Musiker wurden speziell mikrofoniert, so dass wir mitverfolgen können, wie aus Geräuschen eine Struktur entsteht, wie bespielsweise wenn Julian Sartorius mit seinen Stöcken auf verschiedene Gegenstände schlägt und so einen Alltags-Rhythmus erzeugt. Solche Kompositionen können bei der Montage musikalisch von einer Situation zur nächsten führen und einen dynamischen Soundtrack ergeben.

Als Kontrast suchte ich Klänge in der Natur, das Rauschen der Blätter und das Plätschern von Wasser. Wichtig war mir dabei, die Klänge nicht zu werten. Ein Flugzeug oder ein Traktor kann genau das richtige «Ausrufzeichen» setzen. Von besonderem Interesse sind Klänge, die im Alltag meist visuell wahrgenommen werden. Beim Eiskunstlaufen zum Beispiel ist unser Gehör oft von lauter Musik absorbiert und unsere Augen schauen den gekonnten Sprüngen der TänzerInnen zu. Spannend jedoch wird es, wenn man das Mikrofon auf die Schlittschuhe richtet und das Tanzen auf dem Eis mit seinen «Sswisch»- und Kratzgeräuschen plötzlich einen ungeheuren musikalischen Soundtrack erzeugt. Und wenn Spoerri diesen mit melodiösen Klängen sampelt, wird der Klang sinnlich und sichtbar.
Interessant ist auch, wenn Musiker neue Instrumente bauen, mit denen sie nie gehörte Klänge generieren. Wir folgten dem eher linearen Entwickeln und Bauen dieser Instrumente, den Proben und dem Suchen nach Klängen, die zu Musik werden, bis zu den Konzertauftritten der Musiker und Musikerinnen.
Es war mir wichtig, mit einem kleinen Filmteam zu arbeiten, um Nähe zu den Protagonisten herstellen zu können. Das erlaubte mir, auch nicht gelingende Experimente filmen zu können, wenn sie in ihren Werkstätten nach Möglichkeiten suchen, ihr Instrument zum Klingen zu bringen. In den paar wenigen Gesprächen, die ich mit den Musikern während ihrer Arbeit führe, kommt zum Ausdruck, was hinter der Suche dieser Menschen nach dem Klang steht. Adäquate Bilder für die Klänge zu finden, hat einige Experimente bedingt. Zusätzlich zur normalen Videokamera haben wir auch mit Miniaturkameras gefilmt, um mit aussergewöhnlichen und ungewohnten Nahaufnahmen Einblick in ein Instrument und seine Konstruktion zu gewähren, und um den Fokus auf den Klang zu lenken. Mit den Aufnahmen aus der Bergwelt, aus der Natur und aus dem urbanen Raum habe ich versucht, einen Freiraum für die Zuhörer respektive ZuschauerInnen zu schaffen, in welchem sie sich völlig auf den Klang konzentrieren können und ihm nachträumen dürfen.